Fachbeiträge & Interviews
Freitag, 19. Juli 2019
Ausgabe 6542 | Nr. 200 | 18. Jahrgang
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Nachgefragt bei: Anna Kühlen

# 29.08.2018

Dr.-Ing. Anna Kühlen von der Arcadis Germany GmbH - Jeder Planer tickt in seiner beruflichen Praxis anders. Arbeitsabläufe und Planungen gestalten sich, je nachdem, worauf der Einzelne Wert legt, unterschiedlich. Um den individuellen Eigenschaften erfolgreicher Ingenieure auf die Spur zu kommen und ihre Tipps und Hinweise für den Beruf für alle nutzbar zu machen, heißt es bei bauingenieur24 einmal im Monat "Nachgefragt bei ...". Bauingenieure und Experten ihres Faches liefern dabei im Interview aufschlussreiche Antworten zu unseren Fragen.

Dr.-Ing. Anna Kühlen ...

Dr.-Ing. Anna Kühlen ist Projektleiterin der Arcadis Germany GmbH und Expertin für Gebäuderückbau und Schadstoffsanierung. Foto: A. Kühlen Dr.-Ing. Anna Kühlen ist Projektleiterin der Arcadis Germany GmbH und Expertin für Gebäuderückbau und Schadstoffsanierung. Foto: A. Kühlen

...ist als Projektleiterin der Arcadis Germany GmbH mit Hauptsitz in Darmstadt tätig. Arcadis beschäftigt weltweit rund 27.000 Mitarbeiter an mehr als 350 Standorten in den Sparten Immobilien, Umwelt, Infrastruktur und Wasser.

Die Arcadis Germany GmbH ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des niederländischen Mutterkonzerns Arcadis NV und beschäftigt rund 1.000 Mitarbeiter an 16 Standorten in Deutschland. Im Bereich Rückbau und Schadstoffsanierung sind deutschlandweit 75 Mitarbeiter in derzeit rund 150 Projekten aller Größen für öffentliche und private Kunden tätig.

Als Fachplanerin und Fachgutachterin ist Anna Kühlen für Umweltprojekte insbesondere im Bereich Gebäudeschadstoffsanierung und Gebäuderückbau verantwortlich. Darüber hinaus ist sie auch für den Austausch und die Kooperation zwischen Forschung bzw. Forschungseinrichtungen und der Praxis in diesem Bereich zuständig.

Frau Dr. Kühlen, was fordert Sie gerade besonders in ihrem Job?

Herausfordernd bei meiner Arbeit ist die hohe Komplexität der Projekte und die stetig wechselnden Konstellationen bezüglich Kunden, Standorten, Objekten sowie dem Team der immer wieder neuen Projekte. Gerade diese Vielfältigkeit macht meinen Job aber auch sehr interessant.

So plane und überwache ich zusammen mit einem interdisziplinären Team Schadstoffsanierungen und Rückbauten von Kraftwerken und Produktionsgebäuden bis hin zu Schulen und Verwaltungsgebäuden in ganz Deutschland. Unsere Kunden sind private Unternehmen, beispielsweise aus der Automobil-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie aus den Bereichen Öl und Gas, und öffentliche Kunden wie Städte und Gemeinden.

Mein Arbeitsplatz ist abwechselnd im Büro, beim Kunden vor Ort oder auf der Baustelle. Selbst wenn zum Beispiel der gleiche "Bauwerkstyp", ein Lager oder ein Bürogebäude, vorliegt, ist das Umfeld stets neu. Die Frage, wo und in welcher Form baustoff- oder nutzungsbedingte Schadstoffe anzutreffen sind, stellt sich immer wieder neu. Für jedes Projekt muss neu geplant und festgelegt werden, in welcher Weise diese Schadstoffe in der spezifischen Situation und unter Beachtung des Schutzes der Arbeiter und der Umgebung, der Platzverhältnisse vor Ort, der Bauwerksstatik usw. saniert bzw. entfernt werden können.

Darüber hinaus bearbeite ich auch zahlreiche Projekte, die nicht direkt aus dem typischen Aufgabenbereich eines Rückbau- und Sanierungsfachplaners bzw. -gutachters stammen. Hierbei arbeite ich sowohl deutschlandweit als auch international mit Kollegen aus anderen Abteilungen und Sparten zusammen.

Diese Vielfalt ist meiner Meinung nach ein großer Vorteil unseres Unternehmens. Da ist für jeden etwas dabei. Auf der anderen Seite ist vor allem der internationale Charakter herausfordernd für das Unternehmen und uns Mitarbeiter. So müssen unter anderem die internen Abläufe oder nationale Gegebenheiten mit den internationalen Rahmenbedingungen abgeglichen und darauf abgestimmt und angepasst werden.

Parallel zum Projektgeschäft bin ich auch noch für den Austausch mit Forschungseinrichtungen zuständig. In diesem Zusammenhang halte ich unter anderem Vorträge an Universitäten und bin mit Kollegen auf Fachkonferenzen unterwegs. Ein Aspekt hierbei ist die Identifikation relevanter Forschungsthemen, beispielsweise der Rückbau von Windkraftanlagen mit einer größtmöglichen Wiederverwendung und -verwertung der Bauteile oder generelle neue Recyclingverfahren. Uns ist es dabei wichtig, als Partner der Wissenschaft mit klarem Praxisbezug zu agieren.

Wie lange sind Sie schon in der Branche tätig und warum?

Während meines Studiums des Wirtschafts-Bauingenieurwesens an der TU-Darmstadt war ich im Rahmen eines Praktikums und meiner Abschlussarbeit über ein Jahr auf einer Baustelle im Ausland für ein großes internationales Infrastrukturprojekt tätig. Neben den umfassenden und sehr interessanten Themen des Bauingenieurwesens, die ich an der Uni zunächst vor allem theoretisch kennengelernt habe, konnte ich auf dieser Baustelle dann auch praktisch erfahren, dass ich sehr gerne in der Baubranche arbeite.

Hier trifft und arbeitet man zusammen mit Menschen, die über ganz unterschiedliche Sichtweisen, Interessen, Fähigkeiten, Qualitäten, Erfahrungen und Erwartungen verfügen. Ich genieße dieses Arbeiten im Team und die Vielfalt von Aufgaben und Herausforderungen.

Nach dem Studium habe ich an der Universität, am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), nationale und internationale Forschungs- und Dienstleistungsprojekte geleitet und bearbeitet. Fokus der Projekte war immer das Thema "Nachhaltiges Bauen", unter anderem mit den Schwerpunkten Projektmanagement und IT-gestützte Planung von Bau- und Rückbauprojekten unter Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien.

Hier hat mich vor allem auch der Mehrwert fasziniert und motiviert, der durch Bau- und Rückbauaktivitäten für die Umwelt und den Menschen geschaffen werden kann. Am KIT habe ich dann auch über die Rückbauplanung von Gebäuden und die Integration von damit verbundenen Auswirkungen auf die lokale Umwelt promoviert.

Seit zwei Jahren arbeite ich jetzt bei Arcadis und auch hier weiterhin unter anderem in den Bereichen Rückbau sowie anderer umweltrelevanter Themen des Bauens. Das Thema Schadstoffe in Gebäuden ist für mich neu hinzugekommen.

Allgemein lerne ich immer noch jeden Tag etwas Neues und denke und hoffe, dass das so bleiben wird.

Welche Wege geht Ihr Unternehmen in punkto Personal?

Für Arcadis als Planungs- und Beratungsunternehmen ist eine gesunde Mitarbeiterstruktur aus erfahrenen und jungen Mitarbeitern von großer Bedeutung. Wegen diesem Mix sind auch die Wege der Personalgewinnung sehr unterschiedlich.

Diese reichen von Stellenanzeigen auf unserer Homepage und Online-Portalen, über die Präsenz in sozialen Netzwerken bis hin zur engen Zusammenarbeit mit bzw. Akquise an Hochschulen und Universitäten. Bei uns sind viele Werkstudenten beschäftigt und Studierende haben die Möglichkeit, bei uns ein Praktikum und/oder ihre Abschlussarbeit zu absolvieren.

Neben der Gewinnung von neuem Personal ist es natürlich unser Ziel, unsere Mitarbeiter langfristig zu halten und als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Fachlich bietet Arcadis hierfür die Möglichkeit, in sehr abwechslungsreichen und interdisziplinären Arbeitsfeldern der Sparten Immobilien, Umwelt, Infrastruktur und Wasser sowohl lokal als auch national und/oder international tätig zu sein.

Darüber hinaus herrscht bei Arcadis ein sehr angenehmes Betriebsklima, was denke ich ein Grund dafür ist, dass viele Mitarbeiter schon sehr lange dabei sind. Die besondere Atmosphäre habe ich schon gespürt, als ich für das Vorstellungsgespräch hier zum ersten Mal die Tür reingekommen bin und mich jeder Mitarbeiter, der mir begegnete, direkt freundlich und offen angelächelt hat. Trotz der Größe und Internationalität von Arcadis, pflegen wir einen sehr familiären Umgang im Büro, den ich besonders schätze.

Intern werden diverse Programme zur Personalentwicklung angeboten, in denen sich alle Mitarbeiter individuell sowohl in fachlichen sowie sozialen und führungsrelevanten Gebieten weiterbilden können.

Auf wen hören Sie beruflich?

Mir ist vor allem der enge interne sowie unternehmensübergreifende Austausch mit meinen Kollegen sehr wichtig. Dabei spielt es keine Rolle, auf welcher Hierarchiestufe sich der- oder diejenige im Unternehmen befindet.

Wir führen rege fachliche Diskussionen und erarbeiten Lösungen im Team. Durch unsere Großraumbüros und die gelebte Kultur flexibler Arbeitsplatznutzung bei Arcadis wird dieser Austausch und das Arbeiten im Team noch weiter gefördert.

In welche (Informations-)Technik investiert Ihr Unternehmen?

In den zahlreichen Abteilungen der vier Arcadis-Sparten werden neben diversen kommerziellen branchenspezifischen Standardprogrammen auch speziell entwickelte EDV-Anwendungen und Programme genutzt.

In unserer Abteilung nutzen wir neben den allgemeinen Office-Anwendungen zum Teil selbst weiterentwickelte Programme für die digitale Datenerfassung auf der Baustelle bzw. am Erkundungsort, die die spätere Auswertung der Daten, deren Verarbeitung und den Datenaustausch, zum Beispiel in Berichten, erleichtern.

Die unternehmensinterne Kommunikation, Information und das Datenmanagement wird über ein zentrales Datenbank-System gesteuert. Die konzernweiten und internationalen Abstimmungen hierzu sind immer wieder herausfordernd für unsere Unternehmens-IT.

Investitionen in Hardware, wie Laptops und Mobiltelefone, sowie in Kommunikationssoftware, wie VPN (Anm. d. Red.: d.h. virtuelles privates Netzwerk), die ein flexibles Arbeiten gewährleisten, sind für uns selbstverständlich.

Darüber hinaus befassen wir uns in den unterschiedlichsten Bereichen natürlich auch intensiv mit dem Thema BIM.

Welchen Wunsch haben Sie an die Politik?

Ich wünsche mir, dass bei unserer handwerklichen und universitären Aus- und Weiterbildung von Fachkräften der Baubranche das Thema Schadstoffe in Gebäuden mehr in den Fokus wandert. Ich merke, dass hier, sei es in den Architekturbüros oder den Handwerksbetrieben, noch erheblicher Nachholbedarf besteht.

Wer sich als Handwerker, Facility Manager oder sonstiger Beteiligter den Gefährdungen durch Schadstoffe in Gebäuden aussetzt, sollte selbst darüber Bescheid wissen und auch andere Menschen auf die Gefahren aufmerksam machen können.

Während meines eigenen Studiums habe ich wenig zu diesem Thema gehört. Einige Kollegen halten gelegentlich Blockseminare und Vorträge darüber. Das ist ein guter Anfang, aber am besten wäre es, wenn das Thema fester Bestandteil des Lehrplans an Berufs- und Hochschulen würde.

Weiter wünsche ich mir, dass auch andere Einflüsse von Bauaktivitäten auf die lokale Umwelt, wie zum Beispiel Lärm, noch mehr berücksichtigt und entsprechende politische Rahmenbedingungen geschaffen bzw. erweitert werden.

Die Notwendigkeit der Anpassung des Vergaberechts ist hinlänglich bekannt. Bei öffentlichen Aufträgen darf nicht immer der billigste Bieter den Zuschlag erhalten. Empfehlungen des jeweiligen Planers müssen stärkere Berücksichtigung finden.

Wie sieht Ihre individuelle Weiterbildung aus?

Für meine Weiterbildung nutze ich gerne das umfassende Angebot der Arcadis-internen Personalentwicklungsprogramme. In den letzten beiden Jahren habe ich an verschiedenen fachlichen und überfachlichen hausinternen Trainings und Fortbildungen teilgenommen.

Zum anderen bilde ich mich fachlich in Seminaren und Lehrgängen sowie zusätzlich über Fachliteratur weiter.

Welchen Ausgleich haben Sie zum Beruf?

Zum Ausgleich betreibe ich sehr gerne Sport, beispielsweise gehe ich regelmäßig Joggen, Schwimmen und Radfahren, und bilde mich hier auch zu einzelnen Themen weiter.

Außerdem reise ich gerne, verbringe mit der Familie und Freunden Zeit in den Bergen und engagiere mich ehrenamtlich beim Deutschen Alpenverein.

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